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Sind neue Gewerbeflächen gut für Mönchengladbach? Der BUND entdeckt Erstaunliches.

Brauchen wir neue Gewerbeflächen? Was haben eigentlich die Stadt  und seine BürgerInnen davon?  Gibt es Alternativen?

Seit seiner Gründung 1976 untersucht der BUND die Ursachen der Verschlechterung von Natur und Umwelt. Neben Energieverbrauch, Landwirtschaft und Mobilität sieht er auf kommunaler Ebene vor allem den steigenden Flächenverbrauch für Gewerbe-, Siedlungs- und Verkehrsflächen als zentrales Problem. In Mönchengladbach betrifft dies inzwischen auch Landschaftsschutzgebiete, insbesondere im Westen der Stadt, da im Osten kaum noch Flächen verfügbar sind.

Trotzdem fordern Akteure wie IHK, EWMG und Politik weiterhin neue und größere Gewerbe-flächen. Der BUND stellt diese Forderungen infrage und überprüft deren Argumente.

Die IHK z.B. argumentiert, dass Gewerbeflächen nur etwa drei Prozent der Stadtfläche ausmachen und dringend erweitert werden müssten, unter anderem als Ersatz für das nicht realisierte JHQ-Gelände (geplant: 60 Hektar). Neue Flächen seien notwendig, um die Wirtschaft zu stärken und die kommunalen Finanzen zu stabilisieren.

Aber: Was taugen die Argumente der Akteure und haben sie überhaupt welche? Der BUND hat sich dieser Frage gewidmet und Erstaunliches entdeckt.

Der Reihe nach:
1 FORDERUNGEN NACH NEUEN GEWERBEFLÄCHEN (AKTEURE)
2 WAS SIND DIE ARGUMENTE UND WAS TAUGEN SIE?
    2.1 Industrie und Gewerbe brauchen mehr Fläche
    2.2 Schaffung neuer Arbeitsplätze
    2.3 Die Stadt braucht die Einnahmen
    2.4 Faktenlage: Bringen neue Gewerbeflächen etwas für Kommunen?
3 WO SOLLEN NEUE GEWERBEFLÄCHEN ENTSTEHEN?
4 WELCHE ALTERNATIVEN GIBT ES ZU NEUEN GEWERBEGEBIETEN?
5 ZUSAMMENFASSUNG

Forderungen nach neuen Gewerbeflächen (Akteure)

IHK, EWMG und Politiker werden nicht müde, immer neue Gewerbeflächen zu fordern. Was taugen die Argumente dafür und was spricht dagegen? Wie sieht die Realität in Mönchengladbach aus? Was sind die Forderungen?

„Die IHK hat ein Schreiben formuliert, an die Staatskanzlei, das Wirtschaftsministerium sowie die Bezirksregierung und Oberbürgermeister Felix Heinrichs. Darin fordert sie, dass andere große Flächen für neue Gewerbe bereitgestellt werden – quasi als Ersatz für das JHQ-Gelände. Bisher nehmen Gewerbeflächen rund 3 Prozent der gesamten Stadtfläche bei uns in Anspruch. Neue Gewerbeflächen werden also dringend gebraucht, sagt die IHK. Das JHQ-Areal sollte zumindest einen Teil des Bedarfs decken. 60 Hektar waren geplant. Mönchengladbach stehe vor angespannten kommunalen Finanzen. Eine starke Wirtschaft würde den Haushalt zumindest teilweise stützen.“ (Kritik aus Mönchengladbach zum JHQ-Gelände)   (IHK fordert Flächenkompensation)

Aber stimmt das wirklich?
Braucht Mönchengladbach dringend neue, große Gewerbeflächen und stützt das dann den kommunalen Haushalt? Kompensation wofür und wozu? (Kompensation: Ein Ausgleich für erlittene Schäden, Verluste oder entgangene Gewinne.)

Die Akteure – und ihre politischen Interessen

Die EWMG (Entwicklungsgesellschaft der Stadt Mönchengladbach mbH), eine städtische Tochtergesellschaft, lebt von der Entwicklung neuer Flächen. Jeder neue Quadratmeter Gewerbegebiet bedeutet neue Projekte, neue Einnahmen, neue Legitimation. Dass die Stadt bereits über erhebliche Leerstände verfügt, spielt in dieser Logik kaum eine Rolle.

Die IHK (Industrie- und Handelskammer) vertritt die Interessen der Wirtschaft – nicht die Interessen der Stadtgesellschaft. Ihr politischer Druck folgt einem klassischen Wachstumsnarrativ: mehr Fläche, mehr Unternehmen, mehr Steuern. Dass dieses Modell in vielen Kommunen längst an seine Grenzen gestoßen ist, wird ignoriert.

Teile der Kommunalpolitik übernehmen diese Forderungen nahezu ungeprüft. Neue Gewerbeflächen lassen sich öffentlichkeitswirksam verkaufen – als „Wachstum“, „Zukunft“ oder „Arbeitsplätze“. Dass die Realität oft das Gegenteil zeigt, wird selten thematisiert.

Die gpaNRW (Gemeindeprüfungsanstalt Nordrhein-Westfalen) ist eine öffentlich-rechtliche Einrichtung des Landes NRW. Die Kommunalaufsicht prüft die Wirtschaftlichkeit kommunaler Entscheidungen – aber ausgerechnet die Rentabilität von Gewerbeflächen spielt bislang keine Rolle. Damit fehlt ein entscheidender Kontrollmechanismus, der politische Entschei-dungen auf eine solide Grundlage stellen würde.

Was sind die Argumente und was taugen sie?

Wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirtschaftlichkeit neuer Wohn- und Gewerbegebiete zeigen ein klares Bild: Eine verlässliche Datengrundlage zu Einnahmen und Ausgaben fehlt weitgehend. Kommunale Entscheidungsträger können daher kaum beurteilen, ob sich Neuausweisungen finanziell rechnen.

Akteure, die neue Flächen fordern, leisten wenig zur Transparenz bei Kosten, Nutzen und tatsächlichem Bedarf. Die vorhandenen Studien kommen überwiegend zu dem Ergebnis, dass sich neue Bau- und Gewerbegebiete meist nicht wirtschaftlich lohnen. Bedarfsschätzungen basieren häufig auf unsicheren Prognosen, die eher Wunschvorstellungen als realen Entwicklungen entsprechen.

Forderung: Industrie und Gewerbe brauchen mehr Fläche

Kommunen fordern zusätzliche Gewerbeflächen, um Wirtschaftswachstum, Beschäftigung und Gewerbesteuereinnahmen zu fördern. In Mönchengladbach steht diese Forderung jedoch im Wi-derspruch zur Realität des Immobilienmarktes.

Die Realität in Mönchengladbach: Kein Mangel, sondern Überangebot

Während die IHK von einem „dringenden Bedarf“ an neuen Gewerbeflächen spricht, zeigt der lokale Immobilienmarkt ein gegenteiliges Bild:

• 65 große Lager- und Produktionshallen stehen leer.
• 36 davon sind größer als 20.000 m².

Insgesamt entspricht dies einer ungenutzten Gewerbefläche von über 100 Fußballfeldern.

65 Lagerhallen und Produktionsstätten in Mönchengladbach mit mehr als 10.000 qm suchen Nachmieter (IS 24, Stand: 2.1.2026)

Diese Flächen verteilen sich über alle großen Gewerbegebiete und entsprechen insgesamt mehr als 100 Fußballfeldern. Besonders in der Logistikbranche bestehen erhebliche Leerstände, etwa bei ehemaligen Großstandorten wie Esprit oder Zerres.

Politisch ist dieser Befund eindeutig: Wer unter diesen Bedingungen neue Gewerbeflächen fordert, ignoriert entweder bewusst die Faktenlage oder verfolgt Interessen, die nicht dem Gemeinwohl dienen.

Hinzu kommt: Die Logistikbranche, jahrelang politisch gefördert, befindet sich im Strukturwandel. Hochspezialisierte Hallen sind kaum noch vermietbar. Der Fächenbedarf in Relation zum Bauvolumen ist extrem. Gleichzeitig verlieren Innenstädte an Funktion und Attraktivität. Trotzdem hält die kommunale Politik an einem überholten Flächen- und Wachstumsmodell fest.

Regionale Analysen verweisen zudem auf strukturelle Brüche in der Logistik sowie auf soziale Probleme durch prekäre Beschäftigung, insbesondere Leiharbeit. Vor diesem Hintergrund erscheint die Forderung nach weiteren neuen Gewerbeflächen weder wirtschaftlich noch strukturell überzeugend und unterstreicht den Bedarf an neuen Nutzungskonzepten statt zusätzlicher Flächenausweisungen.

„Mönchengladbach hat sich zu einem Knotenpunkt der deutschen Logistikbranche und damit auch zu einem Hotspot der Leiharbeit entwickelt – und dies auch mit weitreichenden sozialen Folgen: Prekäre Arbeitsverhältnisse in der Leiharbeit, beengte Wohnsituationen, rechtliche Unsicherheit und fehlende unternehmerische Verantwortung sowie offensichtliche Tabuisierung dieser Themen in der Stadtpolitik und -gesellschaft. Diese Verhältnisse prägen den Alltag vieler Arbeitsmigrant/innen, die maßgeblich zum Funktionieren des boomenden „Systems Logistik“ und anderer Branchen beitragen.“  (Der Lokalboote)

Wie begründet sich vor diesem Hintergrund die Forderung nach mehr Gewerbeflächen?

Hoffnung: Schaffung neuer Arbeitsplätze

Die Behauptung, neue Gewerbeflächen würden nennenswert Arbeitsplätze schaffen, ist politisch wirksam – sachlich jedoch nicht haltbar:

  • Die Arbeitslosigkeit sinkt kaum.
  • Dennoch herrscht in vielen Branchen, selbst im Transport- und Logistihgewerbe, akuter Fachkräftemangel. Es ist daher fraglich, ob neue Industrie- und Gewerbeansiedlungen vor diesem Hintergrund überhaupt zukunftsfähig sind.
  • Hinzu kommt, dass viele Jobs – vor allem in der Logistik – im Niedriglohn- und Leihar-beitssektor angesiedelt sind. Diese Beschäftigungsformen begünstigen Altersarmut und be-lasten langfristig die Sozialkassen. Gewinne aus niedrigen Löhnen und steigenden Mieten werden damit teilweise auf Kommunen und Steuerzahler verlagert, was die einseitige Aus-richtung auf großflächige Logistikstandorte wirtschaftlich und sozial problematisch macht.

Arbeitsplätze: Politische Versprechen ohne Substanz

Politisch heißt das: Die Stadt fördert Beschäftigung, die Armut nicht verhindert, sondern verstetigt. Die sozialen Folgekosten – Aufstockung, Transferleistungen, Infrastruktur – trägt am Ende die Allgemeinheit.
Die hohe Schulabbrecherquote von 8,2 % verdeutlicht zusätzlich: Mönchengladbach hat kein Flächenproblem, sondern ein Qualifizierungsproblem.

Klar: Die Stadt braucht Einnahmen

Trotz zahlreicher neuer Gewerbegebiete hat sich die finanzielle Situation Mönchengladbachs nicht verbessert, vielmehr ist die Verschuldung weiter gestiegen. Ende 2023 lag die Gesamtverschuldung bei rund 765 Mio. Euro, die Pro-Kopf-Verschuldung bei 2.551 Euro.

Gleichzeitig nehmen die Sozialausgaben stark zu (+22 % im Jahr 2023).

Politisch bedeutet das: Neue Gewerbeflächen können den Haushalt belasten statt stabilisieren – ohne dass politische Verantwortung für diese Folgen übernommen wird.

Haushaltsargumente: Wunsch und Wirklichkeit

Ein wesentlicher Faktor ist die Fokussierung auf die Logistikbranche, die zu den niedrigst ent-lohnten Branchen zählt. Niedrige Einkommen, Leiharbeit und Teilzeit führen zu hoher privater Überschuldung (ca. 13,8 % der Bevölkerung) und belasten langfristig die Sozialkassen. Viele Be-schäftigte sind trotz Arbeit auf Bürgergeld oder Wohngeld angewiesen.

Mönchengladbach weist zudem eine überdurchschnittlich hohe Mindestsicherungsquote, viele Schulabgänger ohne Abschluss und einen Rückgang erfolgreicher Ausbildungsabschlüsse auf. Gut qualifizierte Fachkräfte für besser bezahlte Industriearbeitsplätze sind daher schwer zu gewinnen.

Fazit

Neue Gewerbe- und Industrieansiedlungen, insbesondere im Niedriglohnsektor, stabilisieren weder den städtischen Haushalt noch reduzieren sie Sozialausgaben. Stattdessen verlagern sie wirtschaftliche Risiken und Folgekosten auf Kommunen und Steuerzahler.

Faktenlage:

Bringen neue Gewerbeflächen etwas für Kommunen?

Die nüchterne Antwort: meist nein.

Neue Gewerbegebiete gelten parteiübergreifend als Königsweg kommunaler Wirtschaftspolitik. Wer Wachstum will, so das Mantra, braucht Fläche. Doch ausgerechnet dort, wo man belastbare Zahlen erwarten würde, herrscht Leerstelle: Es gibt kaum seriöse, langfristige Untersuchungen. Und die wenigen vorhandenen kommen zu einem unbequemen Ergebnis.

Fehlende Datengrundlage – Entscheidungen im Blindflug

Ob die Ansiedlung neuer Wirtschaftsunternehmen Kommunen und ihren Bürgerinnen und Bür-gern tatsächlich nutzt, ist kaum belastbar belegt. Trotz breiter politischer Zustimmung fehlen verlässliche Zahlen, Untersuchungen und umfassende Kosten-Nutzen-Berechnungen. Die wenigen vorhandenen Studien liefern jedoch ein ernüchterndes Bild.

Mögliche Nutzen neuer Gewerbegebiete sind Gewerbesteuereinnahmen, zusätzliche Arbeitsplätze und eine gestärkte Wettbewerbsfähigkeit. Diese Effekte werden häufig als Argument für neue Flächenausweisungen angeführt.

Was Studien tatsächlich zeigen

Dem stehen jedoch erhebliche Kosten und Risiken gegenüber: hohe Vorinvestitionen für Infrastruktur, dauerhafte Unterhaltskosten, mögliche Nachteile im kommunalen Finanzausgleich sowie der irreversible Flächenverbrauch. Kurz- bis mittelfristig können Gewerbegebiete den Haushalt sogar belasten, bevor – wenn überhaupt – positive Effekte eintreten.

Die oft beschworenen Vorteile

Gewerbesteuer: Sie ist die wichtigste eigene Einnahmequelle der Kommunen – allerdings stark schwankend, hochgradig instabil und unberechenbar. Viele Städte erhöhen 2026 die Hebesätze, nicht wegen neuer Gewerbegebiete, sondern weil die Haushaltslöcher immer größer werden.
Arbeitsplätze: Ja, neue Betriebe schaffen Jobs. Ob diese tatsächlich von Einheimischen besetzt werden und messbar mehr Einkommensteuer in der Kommune bleibt, ist jedoch offen.
Wettbewerbsfähigkeit: Gewerbeflächen gelten als Standortfaktor – ein Argument, das eher politisch als rechnerisch überzeugt.

Die systematisch unterschätzten Kosten

Millionen vor dem ersten Euro: Straßen, Kanalisation, Ausgleichsflächen, Breitband – die Erschließung frisst enorme Summen, lange bevor irgendeine Steuer fließt.
Finanzausgleich als Bremsklotz: Steigen die eigenen Einnahmen, sinken oft die Zuweisungen. Der fiskalische Gewinn verdampft.
Dauerlast statt Einmaleffekt: Infrastruktur will unterhalten werden, Beschäftigte ziehen zu, Kinder brauchen Kitas und Schulen – Kosten, die dauerhaft bleiben.
Flächenverbrauch: Boden ist endlich. Deshalb setzen 2026 immer mehr Kommunen auf Nachverdichtung oder die Reaktivierung von Brachen – ein stilles Eingeständnis früherer Fehlentscheidungen.

Fazit

Unter dem Strich zeigen die Studien ein klares Bild: Neue Gewerbeflächen rechnen sich für viele Kommunen nicht. Die Einnahmen aus Grundstücksverkäufen und Anliegerbeiträgen sind schnell verbraucht – die Folgekosten bleiben über Jahrzehnte.

Umso bemerkenswerter ist, dass ausgerechnet wirtschaftsnahe Institutionen wie die IHK kaum zur Transparenz beitragen. Eine ehrliche Gesamtrechnung würde viele vermeintliche „Erfolgsgeschichten“ entzaubern.

In Zeiten explodierender Haushaltsdefizite werden Gewerbegebiete gern als „Zukunftsinvestition“ verkauft. Doch eine nüchterne Kosten-Nutzen-Analyse zeigt: Oft sind sie das Gegenteil.
Ganz ähnlich wie bei neuen Wohngebieten gilt auch hier: Mehr Fläche bedeutet nicht automatisch mehr Wohlstand – manchmal nur höhere Dauerlasten.

Wo sollen neue Gewerbeflächen entstehen?

Gewerbeflächen in Mönchengladbach
Gewerbeflächen in Mönchengladbach

 

Im Osten der Stadt gibt es kaum noch Platz für große neue Gewerbegebiete. Der geplante Gewerbestandort in Sasserath konnte nach starkem Bürgerprotest verhindert werden.
Nun richtet sich der Blick verstärkt auf den Westen Mönchengladbachs. Dort liegen jedoch wertvolle Landschaftsschutzgebiete und wichtige Naherholungsräume, zum Beispiel  Mackenstein im Nordwesten, der Hardter Wald und das Gelände des ehemaligen NATO-Hauptquartiers (JHQ).

Diese Flächen sind wichtig für Natur, Klima und die Erholung der Menschen.

Was passiert auf dem JHQ-Gelände?

Für das ehemalige JHQ-Gelände in Rheindahlen wird derzeit geprüft, wie es künftig genutzt werden kann. Eine Machbarkeitsstudie dazu liegt, der Stadt vor, wurde aber bisher nicht öffentlich zugängig gemacht.

Das Gelände war bis 2013 ein Militärstandort und liegt in einem sensiblen Naturraum.

Geplant sind eine teilweise Nutzung durch die Bundeswehr und der Bau einer großen Unterbringungseinrichtung für ausreisepflichtige Personen. Dazu läuft eine Machbarkeitsstudie. Die Ergebnisse sind bislang nicht öffentlich.
Der Oberbürgermeister Felix Heinrichs (SPD) sieht dort im Landschaftsschutzgebiet gerne ab dem Jahr 2035 eine Textilproduktion auf 20 ha mit Tausenden Arbeitsplätzen.

(Pikant: C&A hat die Produktion nachhaltiger Jeans in seiner Mönchengladbacher „Factory for Innovation in Textiles“ (FIT) im Februar 2025 überraschend eingestellt. Das Vorzeigeprojekt im Monforts Quartier, gestartet Ende 2021 zur Produktion von Jeans „Made in Germany“, konnte die Erwartungen an Produktivität und Kosten nicht erfüllen.)

Neue Planungen schränken Gewerbeflächen ein

Die Bundeswehr möchte rund 150 Hektar des Geländes nutzen. Zusätzlich hat das Land NRW be-schlossen, dort eine Unterbringungseinrichtung mit etwa 500 Plätzen zu errichten. 
Diese Entscheidungen schränken die Möglichkeiten für neue Gewerbeflächen auf dem JHQ-Gelände deutlich ein.

Fazit

Neue Gewerbeflächen dürfen nicht auf Kosten von Natur, Klima und Lebensqualität entstehen. Bevor wertvolle Landschaften bebaut werden, müssen bestehende Flächen besser genutzt und Gebäude saniert werden. Eine verantwortungsvolle Stadtentwicklung braucht klare Prioritäten – für Mensch, Umwelt und Zukunft.

Welche Alternativen gibt es zu neuen Gewerbegebieten?

In Deutschland wird immer mehr Fläche verbraucht. Im Jahr 2021 nutzte jede Person im Durchschnitt fast 48 Quadratmeter Wohnfläche – Tendenz steigend. Gleichzeitig entstehen neue Baugebiete auf unbebauten Flächen, während in den Städten viele Wohnungen und Gebäude leer stehen oder sanierungsbedürftig sind.
Deshalb fordern Umwelt- und Naturschutzorganisationen einen sparsameren Umgang mit unseren Flächen. Das gebietet u.a. auch der Klimaschutz.

Immer mehr Fläche geht verloren

In den Jahren 2020 bis 2023 wurden in Deutschland jeden Tag rund 51 Hektar neue Flächen für Siedlungen und Straßen ausgewiesen. Das entspricht etwa 71 Fußballfeldern – jeden Tag. Ein großer Teil davon entfällt auf Wohnungsbau, Gewerbe und Industrie.

Wie sehr versiegelte Flächen nicht nur sich selbst, sondern auch die Umgebung aufheizen, zeigt die Stadtklimaanalyse von 2019. Lediglich in (großen) Waldflächen und deren nähere Umgebung lässt es sich aushalten. Entsprechend überlaufen sind sie im Sommer in einer Großstasdt.

Insgesamt sind heute rund 15 Prozent der Fläche Deutschlands bebaut oder versiegelt. Diese Entwicklung belastet Natur, Klima und Landwirtschaft.
Die Bundesregierung hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, den täglichen Flächenverbrauch bis 2030 deutlich zu senken und langfristig ganz zu stoppen. Neue Bauflächen sollen nur noch dann entstehen, wenn bestehende Flächen sinnvoll genutzt werden können.

Neue Gewerbegebiete auf bisher unbebauten Flächen bringen für die Stadt und die Bürgerinnen und Bürger oft wenig Nutzen. Meist führen sie vor allem zu mehr Verkehr, höherer Flächenversiegelung und Verlust von Landschaft und Natur. Gleichzeitig bleiben viele bestehende Gewerbeflächen ungenutzt. Deshalb stellt sich die Frage:

Gibt es bessere Alternativen?

Industriebrachen wieder nutzen statt neue Flächen verbrauchen

Eine sinnvolle Alternative ist die Wiederbelebung alter Industrie- und Gewerbeflächen. Solche Flächen werden auch „Industriebrachen“ genannt. Sie liegen häufig seit Jahren brach, obwohl sie bereits erschlossen sind.
Bei der sogenannten Innenentwicklung werden diese Flächen saniert und neu genutzt – zum Beispiel für Wohnen, Gewerbe, Büros oder Grünflächen. Dabei werden belastete Böden gereinigt, alte Gebäude abgerissen und neue Nutzungen geplant. Der große Vorteil: Es müssen keine neuen Flächen in der freien Landschaft bebaut werden.in zentraler Grundsatz lautet:

Bauen im Bestand statt Neubau auf der grünen Wiese

Das bedeutet:

  • Leerstehende Gebäude sollen saniert und genutzt werden
  • Brachen und ungenutzte Flächen innerhalb der Stadt haben Vorrang
  • Neue Baugebiete am Stadtrand sollen vermieden werden

Für Mönchengladbach gilt: Es gibt nicht zu wenige Wohnungen, sondern viele sanierungsbedürftige Wohnungen und Leestand. Auch deshalb sollte der Fokus auf Erneuerung und nicht auf weiterer Flächenversiegelung liegen. 

Weniger Flächenverbrauch – mehr Lebensqualität

Eine nachhaltige Stadtentwicklung bedeutet:

  • kompakt und flächensparend bauen
  • genügend Grünflächen erhalten
  • Verkehr vermeiden oder reduzieren

So bleibt die Stadt lebenswert, klimaresistent und zukunftsfähig. Wie könnte das konkret ablaufen?

Ein erster Schritt wäre, alle brachliegenden Industrie- und Gewerbeflächen in Mönchengladbach systematisch zu erfassen. Ein öffentlich zugängliches Kataster gibt es bislang nicht.

Typische Schritte bei der Wiederverwertung solcher Flächen sind:

  • Prüfung der Flächen auf Schadstoffe
  • Sanierung belasteter Böden
  • Abriss nicht mehr nutzbarer Gebäude
  • Erschließung mit Straßen und Leitungen
  • Neubau oder neue Nutzung der Flächen

Hier könnte auch die städtische Entwicklungsgesellschaft eine wichtige Rolle übernehmen und gezielt nachhaltige Projekte entwickeln.

Schwierig – aber lösbar

Die Wiederbelebung von Industriebrachen ist aufwendig. Häufig gibt es belastete Böden,  hohe Kosten für Abriss und Sanierung und lange Genehmigungsverfahren. Ohne Fördermittel von Bund und Land ist vieles kaum umsetzbar. Wenn Flächensparen politisch wirklich gewollt ist, müssen diese Förderungen deutlich verbessert werden.

Wie schwierig das auch bei neuer Wohnraumnutzung angesichts der Marktlage und wie kostspielig angesichts der Vor- un Folgekosten ist, zeigen mehrere Beispiele großer Bauvorhaben in Mönchengladbach:

Ein spezialisiertes Kataster für Industriebrachen existiert nicht als öffentlich zugängliches Online-Tool in Mönchengladbach. Hier sollte man sich zunächst einmal einen Überblick verschaffen, ähnlich wie dies für Wohnbauflächen geschehen ist bzw. noch geschehen soll.

Die Vorteile überwiegen

Trotz aller Schwierigkeiten bietet die Innenentwicklung klare Vorteile:

  • Schutz von Natur und Landschaft
  • Aufwertung bestehender Stadtteile
  • Nutzung bereits versiegelter Flächen
  • Abbau von Altlasten
  • Neue Arbeitsplätze auf bestehenden Flächen

Fazit

Die oft gehörte Behauptung, neue Gewerbegebiete seien notwendig für Arbeitsplätze und die Stadtkasse, ist nicht überzeugend belegt. In vielen Fällen bleiben große Gewerbeflächen leer, während gleichzeitig neue Landschaftsflächen geopfert werden.
Eine nachhaltige Stadtentwicklung setzt nicht auf immer neue Gewerbegebiete, sondern auf die kluge Nutzung dessen, was bereits vorhanden ist. Diese Alternativen sind bekannt und werden andernorts bereits erfolgreich umgesetzt – auch in Mönchengladbach wäre das möglich.

Das sogenannte „Nachhaltige Gewerbeflächenkonzept Mönchengladbach“ vom August 2023 ist in dieser Hinsicht leider keine OffenbarungImmerhin kommt auch diese Studie zu dem Ergebnis:

„Die Gegenüberstellung des Flächenangebots mit dem Orientierungsrahmen 2045 macht deutlich, dass es rein rechnerisch ein ausreichendes Flächenangebot in Mönchengladbach bis zum Jahr 2045 gibt.“ (S.111)

Zusammenfassung

Mönchengladbach hat sich zu einem bedeutenden Logistikstandort entwickelt – mit erheblichen sozialen Folgen: prekäre Leiharbeit, niedrige Löhne und beengte Wohnverhältnisse. Gleichzeitig stehen derzeit (Stand 2.1.2026) 65 große Lager- und Produktionshallen mit über 10.000 qm leer bzw. zur Vermietung, davon 36 mit mehr als 20.000 qm, verteilt über alle großen Gewerbegebiete der Stadt.

Ob neue Gewerbeansiedlungen Kommunen und ihren Bürger*innen tatsächlich nutzen, ist fraglich. Erstaunlich ist, dass es dazu kaum belastbare Zahlen oder Studien gibt – obwohl neue Gewerbegebiete politisch fast einhellig als notwendig dargestellt werden. Die wenigen vorhandenen Analysen kommen zu einem ernüchternden Ergebnis:

Für Kommunen rechnet sich die Ausweisung neuer Gewerbeflächen meist kaum oder gar nicht.

Infrastruktur- und Folgekosten (Verkehr, Kitas, Schulen, Sozialleistungen, Wohngeld) übersteigen häufig die Einnahmen aus Grundstücksverkäufen und Abgaben.

Auch in Mönchengladbach hat sich die Haushaltslage trotz zahlreicher neuer Gewerbegebiete nicht verbessert. Ende 2023 lag die Gesamtverschuldung bei 765 Mio. Euro, die Pro-Kopf-Verschuldung bei 2.551 Euro. Gleichzeitig gehört die Stadt zu den Kommunen mit besonders hoher privater Überschuldung: 14,15 % der Einwohner gelten als überschuldet, die durchschnittliche private Haushaltsschuld liegt bei rund 35.000 Euro.

Niedriglöhne und Teilzeit – besonders verbreitet in der Logistik – sind zentrale Ursachen von Altersarmut. Die sozialen Folgekosten tragen langfristig die Allgemeinheit: Gewinne der Logistikbranche werden so indirekt vom Steuerzahler kompensiert.

Dem steht das Ziel der Bundesregierung entgegen, den Flächenverbrauch bis 2030 deutlich zu senken und langfristig auf „Netto Null“ zu kommen. Dennoch richtet sich der Blick in Mönchengladbach zunehmend auf bislang unbebaute Landschaftsschutz- und Naherholungsgebiete im Westen der Stadt, etwa Mackenstein oder den Hardter Wald.

Dabei gibt es Alternativen: die Reaktivierung von Industriebrachen (Flächenrecycling/Brownfield-Entwicklung). Sie stärkt die Innenentwicklung, schont neue Flächen und wertet bestehende Quartiere auf. Das „Nachhaltige Gewerbeflächenkonzept Mönchengladbach“ (August 2023) bleibt hier jedoch weit hinter den Möglichkeiten zurück.

Erforderlich wäre politischer Mut, die Behauptung vom Nutzen neuer Gewerbegebiete kritisch zu hinterfragen und wirtschaftlichem Druck zu widerstehen. Für die städtische Entwicklungsgesellschaft EWMG eröffnete sich damit ein sinnvolles, nachhaltiges und zukunftsfähiges Arbeitsfeld.

Mehr dazu:

Das LANUV-Projekt zur Erhebung von Brachflächen ist ein Projekt des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) NRW, das darauf abzielt, Brachflächen im Siedlungsbe-reich Nordrhein-Westfalens zu erfassen, um eine nachhaltige Flächennutzung zu fördern.
Der Prozess basiert auf dem “Leitfaden zur Erfassung von Brachflächen in NRW” (Arbeitsblatt 26) des LANUV, um eine Grundlage für die kommunale Planung zu schaffen, wie zum Beispiel die Wiedernutzung von Flächen und die Altlastensanierung.

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