Klimanotstand in Mönchengladbach?

Hinter uns liegen die trockensten und heißesten Jahre, seit es Klimaaufzeichnungen gibt. Auch Gladbacher haben das im Sommer zu spüren bekommen. Hitzefrei in den Schulen, Flucht vor Temperaturen über 40° in die überlasteten Parkanlagen, Hitzeopfer in den Notaufnahmen der Krankenhäuser, schlecht gelaunte Autofahrer in ihren rollenden Saunas. Blumen tränken nach Feierabend – fast jeden Tag.

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Schon im letzten Jahr ging das Fällen der Klimaopfer an den Straßenrändern und in den städtischen Forsten los. Die mags kommt kaum nach, vergibt die Mammutaufgabe an Fremdfirmen. Anwohner protestieren gegen Kahlschläge vor der Haustür. Hektarweise sind Fichten abgestorben, die als Flachwurzler die Trockenheit besonders schlecht vertragen. Buchen folgen ihnen. Nach Pilz- und Schädlingsbefall an Roßkastanien, Eschen und Ahorn seit mehreren Jahren schrumpft die Liste an Forst- und Straßenbäumen, die mit der Klimaänderung zurecht kommen, dramatisch zusammen. Ein Ende ist nicht abzusehen, selbst wenn die Niederschläge zur rechten Zeit wieder zunehmen sollten. Die Schäden sind bereits eingetreten.

Ein Konzept, wie mit dem gebeutelten Stadtgrün zukünftig umzugehen ist, hat die Stadt bislang nicht. Für Nachpflanzungen im notwendigen Umfang, der in den nächsten Jahren noch eher zu- als abnehmen wird, fehlt bisher das Geld. Im mags-Etat ist das nicht vorgesehen.

Dem Ansturm auf öffentliche Grünanlagen, letzte Zuflucht für Stadtbewohner in überhitzen Wohnungen, will man mit drastischen Maßnahmen begegnen.

Abgesehen von dem, was jeder sehen kann, finden aber auch viele kleine Desaster im Verborgenen statt, leise, kaum sichtbar, aber auf Dauer nicht weniger dramatisch.

Wichtigstes Laichgewässer für Erdkröten im Hardter Wald (ehemalige Kiesgrube) – auf eine Pfütze zusammengeschrumpft (2019)

Wichtige Laichgewässer für Frösche, Kröten und Molche, die große Gebiete mit dem für die Fortpflanzung nötigen Naß im Frühjahr versorgen, fallen aus. So im Hardter und Gerkerather Wald, an der Viehstraße und der Bistheide. Drei oder vier Jahre solcher Ausfälle hintereinander, und die Amphibienpopulationen sind erloschen. Zwei Folgejahre hatten wir schon.

Schadinsekten, die im Winter so dezimiert werden, dass sie nicht zu schädlich werden, freuen sich über frühlingshafte Temperaturen mitten im Winter. Die Vogelwelt, die sich über einen reich gedeckten Tisch im Frühjahr freuen könnte, schrumpft seit Jahren zusammen. Forscher rätseln über das rasante Tempo, mit dem Vögel und Insekten verschwinden. Aufmerksame Gartenbesitzer und Naturfreunde haben es in den letzten Jahren gemerkt.

Vielleicht ist das ja noch kein Notstand, vielleicht haben wir ja noch Zeit, uns langsam und behutsam anzupassen, ohne dass es weh tut, ohne dass es massiv auf Wirtschaft, Gesundheit und sozialen Frieden durchschlägt. Vielleicht trifft uns in Mönchengladbach ja nicht, was derzeit weltweit Menschen in den Hunger, in Flucht oder den Ruin treibt, klimabedingt. Vielleicht. Aber was, wenn doch? Wenn der Klimanotstand schließlich da ist, vor unserer Haustür, ohne dass man ihn noch ausrufen müsste.

Wie viel Handlungsspielraum haben wir dann noch, auch finanziellen? Wie schnell muss es dann womöglich gehen, mit einschneidenden Maßnahmen, die dann sehr weh tun. Das betrifft Flüchtlinge, Wasser- und Nahrungsmittelversorgung, Arbeitsplätze, Preisanstiege mit sozialen Verwerfungen, Feinseligkeiten gegenüber denjenigen, die noch zurecht kommen bis hin zu einem politischen Klima, das extreme Positionen begünstigt.

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, wie schnell so etwas passieren kann.

Die entscheidende Frage ist also nicht, ob wir noch Zeit haben, sondern, was ist, wenn nicht?

Über die Ignoranz und den Fatalismus der Bewohner der Osterinseln wundern sich die Historiker. Das sich abzeichnende Desaster, die Destabilisation und den Zerfall der Gesellschaft im 17. Jahrhundert hätte doch jeder erkennen müssen. Vielleicht war es da schon zu spät.

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