Panik oder Gelassenheit? Wie gefährlich ist die asiatische Hornisse wirklich?

Es gibt seriöse, wissenschaftlich überprüfte (peer-reviewte) Studien zur Asiatischen Hornisse (Vespa velutina – im Bild links, daneben heimische Hornisse) – aber die Aussage „sie richtet enormen Schaden an der gesamten Natur an“ ist wissenschaftlich deutlich schlechter belegt als die Aussage „sie kann lokal erheblichen Druck auf Insekten und insbesondere Honigbienen ausüben“.

Was tatsächlich gut belegt ist

1. Sie frisst sehr viele verschiedene Insekten.

Eine große Studie aus 2025 untersuchte mittels DNA-Metabarcoding mehr als 1.500 Proben aus Nestern in Frankreich, Spanien, Großbritannien und Jersey. Dabei wurden 1.449 verschiedene Beutetaxa nachgewiesen. Besonders häufig waren Hautflügler, Zweiflügler, Wanzen, Käfer und Schmetterlinge. Die Honigbiene war in allen untersuchten Nestern vertreten.

Bemerkenswert: 43 der 50 am häufigsten erbeuteten wirbellosen Tiere waren auch Blütenbesucher, darunter vier häufige Hummelarten. Das ist  der bislang überzeugendste Beleg dafür, dass die Hornisse nicht ausschließlich ein „Honigbienenproblem“ ist. (ScienceDirect)

Aber: Aus „sie frisst viele Arten“ folgt noch nicht automatisch „diese Arten gehen dadurch im Bestand zurück“. Das ist ein wichtiger Unterschied.

2. Für Honigbienen ist der Schaden wesentlich besser dokumentiert.

V. velutina jagt Honigbienen gezielt vor den Fluglöchern und kann dadurch Bienenvölker stark unter Druck setzen. Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit von Monceau, Bonnard & Thiéry fasst die europäische Forschung zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die Hornisse ein zusätzlicher Stressfaktor für Honigbienen und andere Bestäuber ist. (Agris)

Das kann auch indirekt wirken: Wenn Hornissen dauerhaft vor einem Bienenstock jagen, reduzieren die Bienen ihre Sammelflüge. Dadurch kann ein Volk geschwächt werden, selbst wenn nicht buchstäblich alle Bienen aufgefressen werden.

3. Es gibt tatsächlich einen experimentellen Hinweis auf Auswirkungen auf Wildbestäuber.

Eine besonders interessante Studie untersuchte V. velutina an der Wildpflanze Mentha suaveolens. Die Forscher beobachteten die Hornissen bei der Jagd auf Blütenbesucher und verglichen Bereiche mit und ohne Hornissen. Die Hornissen veränderten das Verhalten und die Häufigkeit verschiedener Bestäuber; außerdem wurde eine Veränderung der Pollenübertragung auf die Blüten festgestellt. (Agris)

Das ist wesentlich aussagekräftiger als reine Beobachtungen von „vielen Hornissen fressen viele Insekten“.
Allerdings war das eine Pflanzenart und ein konkretes Untersuchungsgebiet. Man kann daraus nicht ableiten, dass die Asiatische Hornisse europaweit die Bestäubungssysteme zusammenbrechen lässt.

Wo die Datenlage deutlich dünner wird

Die entscheidende Frage wäre:
Führt die zusätzliche Prädation durch Vespa velutina tatsächlich zu messbaren langfristigen Rückgängen von Wildbienen, Schmetterlingen oder anderen Insektenpopulationen?

Hier wird es wesentlich schwieriger.
Die Hornisse ist ein generalistischer Räuber. Sie tötet also nicht ausschließlich seltene oder ökologisch besonders wichtige Arten. Gleichzeitig ist nicht jede erbeutete Biene eine Biene, die ohne Hornisse zur Fortpflanzung gekommen wäre. Populationen können Verluste teilweise kompensieren.
Deshalb sollte man unterscheiden:

Aussage Evidenz
Hornissen fressen sehr viele Insekten sehr gut belegt
Bienenvölker können dadurch geschwächt werden gut belegt
Wildbienen/andere Bestäuber werden ebenfalls erbeutet gut belegt
Verhalten und Blütenbesuche von Bestäubern werden verändert experimentell belegt
Bestimmte Pflanzen können dadurch weniger Bestäubung erhalten belegt, aber bisher lokal / artbezogen
Sie verursacht einen allgemeinen Zusammenbruch der Biodiversität nicht belegt

Ein wichtiger Punkt zur oft genannten Zahl „90.000 Insekten“

Solche Zahlen liest man häufig: Ein Nest könne während einer Saison beispielsweise rund 90.000 Beutetiere erbeuten. Das sollte man vorsichtig interpretieren.
Eine Kolonie mit mehreren Tausend Tieren kann selbstverständlich eine enorme Menge Biomasse umsetzen. Aber 90.000 Beutetiere ist nicht gleich 90.000 ökologisch relevante Bestäuber weniger. Die Beute besteht aus einem sehr breiten Spektrum von Insekten und anderen Wirbellosen. Die neue DNA-Studie bestätigt gerade diese enorme Breite der Nahrung. (ScienceDirect)

Fazit

Die wissenschaftliche Situation kann man momentan so zusammenfassen:

Die Asiatische Hornisse ist zweifellos eine problematische invasive Art. Ihre Auswirkungen auf die Imkerei sind real und gut dokumentiert. Auch ihre erhebliche Prädation auf Wildinsekten und mögliche Auswirkungen auf Bestäubungsnetzwerke sind wissenschaftlich ernst zu nehmen.

Was bislang fehlt, ist ein überzeugender Nachweis, dass sie allein – oder auch nur als wesentlicher Faktor – großflächige Rückgänge der europäischen Insektenbiodiversität verursacht. Dafür sind die Zusammenhänge mit Lebensraumverlust, Landwirtschaft, Pestiziden, Klimawandel, Krankheiten usw. viel zu komplex.

Interessant ist übrigens, dass selbst eine europäische Fachübersicht ausdrücklich feststellt, dass das Ausmaß der ökologischen Auswirkungen bislang nicht ausreichend quantifiziert ist. (Vespa velutina)

Asiatische Hornisse melden
Um wirksame und effiziente Maßnahmen zur Bekämpfung der Asiatischen Hornisse durchführen zu können, ist es wichtig, jede Sichtung über das Meldeportal zu melden – idealerweise mit Foto sowie einer Telefonnummer oder Email für Rückfragen.
Hier geht’s zum Meldeportal.

Hier findest du die wichtigsten wissenschaftlichen Originalstudien zu Vespa velutina und jeweils kurz erklärt, was tatsächlich untersucht wurde, wie belastbar die Methodik ist und was man aus den Ergebnissen gerade nicht schließen darf. Das wäre besonders interessant, wenn du die oft sehr alarmistischen Aussagen in Medien oder von Naturschutzbehörden überprüfen möchtest.

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