Die Aussage ist wissenschaftlich in der Tat belegt – aber sie muss präzisiert werden. Für Fledermäuse ist die Evidenz für direkte Mortalität sogar sehr stark. Bei Greifvögeln ist ebenfalls klar belegt, dass Windenergieanlagen Tiere töten können; ob daraus ein relevanter Rückgang einer ganzen Population entsteht, hängt aber stark von Art, Standort und Zahl der Anlagen ab.
Der entscheidende Unterschied ist also:
| „Windräder töten Greifvögel/Fledermäuse“ | 🟢 sehr gut belegt. |
| „Windräder gefährden bestimmte Populationen“ | 🟢/🟡 für einige Arten gut begründet bzw. nachgewiesen, für andere nicht. |
| „Windräder sind generell eine große Gefahr für Greifvögel und Fledermäuse“ |
🔴 zu pauschal. |
Greifvögel: Kollisionen sind eindeutig nachgewiesen
Das ist keine theoretische Modellannahme. Es gibt seit Jahren systematische Totfunduntersuchungen und Untersuchungen mit besenderten Vögeln.
Ein besonders gutes Beispiel ist der Rotmilan in Brandenburg. Bellebaum et al. untersuchten Kollisionsopfer an 617 Windenergieanlagen und korrigierten die gefundenen Totfunde statistisch für Sucherfolg, Aasfresser und Tiere, die außerhalb des Suchbereichs liegen. Für das Jahr 2012 schätzten sie für Brandenburg etwa 308 getötete Rotmilane, mit einem 95-%-Intervall von 159–488. Das entsprach nach ihrer Schätzung etwa 3,1 % der dortigen Nachbrutpopulation. (National Wind Watch)
Das ist eine ziemlich starke Evidenz dafür, dass Windenergieanlagen für Rotmilane eine reale zusätzliche Mortalitätsquelle darstellen.
Aber daraus folgt noch nicht automatisch:
„3 % Kollisionsverluste = 3 % Bestandsrückgang.“
Denn Populationen sind dynamische Systeme. Entscheidend ist beispielsweise, welche Altersklassen sterben, wie hoch die Reproduktion ist und ob Zuwanderung Verluste kompensiert.
Besonders interessant: der Goldadler
Eine sehr aufschlussreiche Studie stammt aus Kalifornien. Dort wurden über 250 markierte Goldadler über mehrere Jahre verfolgt.
Von 88 Todesfällen, bei denen die Todesursache ausreichend bestimmt werden konnte, entfielen 41 % auf Kollisionen mit Windenergieanlagen. Gleichzeitig zeigte das demografische Modell, dass die beobachtete Population zunächst stabil bleiben konnte. (USGS)
Das ist wissenschaftlich sehr interessant, weil es zwei Dinge gleichzeitig zeigt:
Ja: Windräder können einen erheblichen Anteil der Mortalität ausmachen.
Nein: Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass die Population bereits schrumpft.
Die Autoren kamen allerdings zu dem wichtigen Ergebnis, dass die Windparkmortalität einen erheblichen Teil der Reproduktionsleistung benötigt, um kompensiert zu werden. Bei langlebigen Greifvögeln mit geringer Reproduktionsrate kann zusätzliche Mortalität deshalb besonders problematisch sein. (USGS)
Nicht jeder Greifvogel ist gleichermaßen gefährdet
Das wird in der öffentlichen Diskussion oft unterschlagen.
Eine Modellierungsstudie des USGS untersuchte 14 Greifvogelarten und kam zu erheblichen artspezifischen Unterschieden. Zu den Arten mit vergleichsweise hohem Potenzial für Populationswirkungen gehörten unter anderem Goldadler, Mäusebussard und einige weitere Greifvögel; bei anderen Arten wurde das Risiko deutlich geringer eingeschätzt. Gleichzeitig betonen die Autoren erhebliche Unsicherheiten bei Populationsparametern und Mortalitätsschätzungen. (USGS)
Das ist genau die Art von Ergebnis, bei der man vorsichtig wäre, aus „Windräder gefährden Greifvögel“ eine allgemeine Aussage über alle Greifvogelarten abzuleiten.
Bei Fledermäusen ist die Situation sogar ziemlich eindeutig
Hier ist die Evidenz für direkte Todesfälle besonders stark.
Fledermäuse können mit den Rotorblättern kollidieren; außerdem können schnelle Druckänderun-gen in der Nähe der Rotoren zu sogenannten Barotraumata führen. Die dokumentierten Mortalitätsraten unterscheiden sich allerdings extrem zwischen Standorten und Jahren. (ScienceDirect)
In Europa wurden bereits an einzelnen Standorten hohe Mortalitätsraten gemessen. Eine wichtige Besonderheit ist, dass die gefährdeten Tiere nicht unbedingt gleichmäßig über die Population verteilt sind.
Eine deutsche Studie zu Rauhautfledermäusen (Pipistrellus nathusii) verglich beispielsweise 119 an Windenergieanlagen getötete Tiere mit 524 lebenden Tieren. Jungtiere waren unter den Kollisi-onsopfern überrepräsentiert. (PubMed)
Das ist biologisch bedeutsam:
Wenn überproportional viele Jungtiere oder fortpflanzungsrelevante Weibchen sterben, kann dieselbe Zahl von Todesfällen eine größere demografische Bedeutung haben als der Verlust zufällig verteilter Individuen.
Aber auch bei Fledermäusen ist „viele Tote = Population schrumpft“ nicht automatisch bewiesen
Das ist ein ganz wichtiger wissenschaftlicher Vorbehalt.
Eine Studie aus Kanada beispielsweise nutzte Totfunddaten von 594 Windenergieanlagen und versuchte daraus zeitliche Trends der Fledermausaktivität bzw. -häufigkeit abzuleiten. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Populationseffekte der windenergiebedingten Mortalität bislang nur für eine einzige Fledermausart geschätzt worden waren. (PubMed Central (PMC))
Und eine US-amerikanische Modellstudie zum Abendsegler (Lasiurus cinereus) kam zu dem Ergebnis, dass die beobachtete Mortalität die Populationsentwicklung möglicherweise erheblich beeinträchtigen könnte. Allerdings beruhte die Analyse auf Populationsmodellen und Experteneinschätzungen, weil wesentliche demografische Daten fehlten. (ScienceDirect)
Das ist also eine andere Evidenzstufe als:
„Wir haben über zehn Jahre hinweg eine Population mit und ohne Windräder beobachtet und sie ist wegen der Windräder um X % zurückgegangen.“
Solche perfekten Experimente sind in der Ökologie natürlich äußerst schwierig.
Ein großes methodisches Problem: Man findet nicht alle toten Tiere
Das ist für die Interpretation von Windkraftstudien enorm wichtig.
Wenn Forscher unter einer Windenergieanlage 20 tote Vögel finden, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass 20 gestorben sind.
Ein Teil wird:
- von Füchsen, Krähen usw. weggetragen,
- übersehen,
- außerhalb des Suchbereichs abgelegt,
- durch Vegetation verdeckt,
- oder zerfällt, bevor gesucht wird.
Deshalb müssen gute Studien Sucherfolg und Verbleibdauer von Kadavern statistisch korrigieren. Genau solche Korrekturen wurden beispielsweise in der Rotmilanstudie vorgenommen. (National Wind Watch)
Das ist ein Grund, warum einfache Aussagen wie „Unter den Anlagene wurden nur wenige tote Vögel gefunden“
wissenschaftlich nicht besonders aussagekräftig sind. Was man für Deutschland daraus ableiten kann:
| Aussage Wissenschaftliche | Bewertung |
| Windenergieanlagen töten Vögel | 🟢 sehr gut belegt |
| Windenergieanlagen töten Greifvögel | 🟢 sehr gut belegt |
| Rotmilane kollidieren mit Windenergieanlagen | 🟢 sehr gut belegt |
| Windenergieanlagen töten Fledermäuse | 🟢 sehr gut belegt |
| Fledermausmortalität kann lokal erheblich sein | 🟢 sehr gut belegt |
| Bestimmte Greifvogelarten können populationsrelevant betroffen sein | 🟢/🟡 gut belegt bzw. plausibel, artspezifisch |
| Bestimmte Fledermauspopulationen können populationsrelevant betroffen sein | 🟢/🟡 ernstzunehmende Evidenz, aber weniger gut für alle Arten quantifiziert |
| Windräder führen generell zu einem Rückgang aller Greifvögel | 🔴 nicht belegt |
| Windräder sind eine der Hauptursachen für den allgemeinen Vogelrückgang | 🔴 zu pauschal |
| Jedes Windrad ist für Greifvögel gleichermaßen problematisch | 🔴 falsch |
| Der Standort entscheidet erheblich über das Risiko | 🟢 sehr gut belegt |
Der vielleicht wichtigste Punkt: Standort schlägt „Windrad ja/nein“
Das ist für die Bewertung eines konkreten Windparks wahrscheinlich die wichtigste Erkenntnis.
Ein Windrad mitten in einem wichtigen Greifvogelhabitat oder einer häufig genutzten Flugroute ist nicht dasselbe wie ein Windrad an einem Standort, an dem kaum gefährdete Arten fliegen.
Die Literatur zu Greifvögeln betont deshalb ausdrücklich Standortwahl, Brutgebiete, Nahrungshabitate und Zugbewegungen als entscheidende Faktoren. Auch technische Maßnahmen wie zeitweises Abschalten bei erkannter Annäherung können Mortalität reduzieren. (USGS Pubs)
Bei Fledermäusen lässt sich das Risiko ebenfalls durch Betriebsregelungen reduzieren – beispiels-weise durch Abschaltungen bei bestimmten Wetter- und Aktivitätsbedingungen. Das ist gerade deshalb interessant, weil Fledermäuse bei schwachem Wind besonders aktiv sein können, während die wirtschaftlichen Verluste durch gezielte Abschaltungen begrenzt werden können.
Gesamturteil
Wenn jemand sagt:
„Windräder gefährden Greifvögel und Fledermäuse“
kann man das wissenschaftlich als richtig einstufen.
Wenn jemand daraus macht:
„Windräder verursachen einen erheblichen Teil des allgemeinen Greifvogel- und Fledermaussterbens und führen deshalb zum Rückgang dieser Tiere“
ist das deutlich zu pauschal und muss für jede Art und Region separat untersucht werden.
Und wenn jemand behauptet:
„Die Behauptung, Windräder töten Greifvögel/Fledermäuse, sei hauptsächlich eine unbelegte Behauptung von Windkraftgegnern“
ist das wissenschaftlich klar falsch. Die direkten Kollisionsverluste sind sehr gut dokumentiert. Die eigentliche wissenschaftliche Streitfrage ist nicht mehr ob Tiere getötet werden, sondern wie groß die Mortalität ist, welche Arten und Altersklassen besonders betroffen sind und ab welcher Belastung daraus ein messbarer Populationseffekt entsteht.
Das ist übrigens ziemlich genau dieselbe Unterscheidung wie bei der Frage zur Gefährlichkeit der Asiatischen Hornisse (Vespa velutina): „Es passiert“ ist eine andere Behauptung als „es verursacht einen populationsweiten Rückgang“.
Bei beiden Themen wird diese zweite Stufe in der öffentlichen Diskussion häufig übersprungen.


