Mönchengladbach muss sich besser gegen Starkregen und Überflutungen wappnen

Die Starkregengefahrenkarte der Stadt Mönchengladbach macht deutlich, dass Starkregen und daraus resultierende Überflutungen längst keine abstrakte Zukunftsgefahr mehr sind. Bürgerinnen und Bürger können im Starkregen-Infoportal der Stadt adressgenau nachvollziehen, wo bei außergewöhnlichen Niederschlagsereignissen Wasser stehen bleibt, in welche Richtung es fließt und welche Fließgeschwindigkeiten erreicht werden können.
Die Karte wurde von der Stadt in Zusammenarbeit mit der Hydrotec GmbH entwickelt. Sie simuliert ein außergewöhnliches, statistisch 100-jährliches Starkregenereignis mit einer Niederschlagsmenge von 50 Litern pro Quadratmeter innerhalb einer Stunde. Grundlage ist ein hochpräzises digitales Geländemodell, das auch die vorhandene Bebauung berücksichtigt.
Die Untersuchung zeigt die maximalen Wassertiefen und Fließwege für das gesamte Stadtgebiet. Rund 4.000 kritische Objekte wurden im Rahmen der Risikoanalyse betrachtet. Etwa 470 davon, darunter Kindertagesstätten, Schulen, Pflegeeinrichtungen und Trafostationen, wurden als potenziell stark gefährdet eingestuft.
Das ist ein deutlicher Handlungsauftrag an die Kommunalpolitik.
Wenn aus Straßen und Wohngebieten Seen werden

Das Szenario: Die Regenrückhaltebecken sind voll, ebenso die abführenden Regenwasserkanäle. Dann werden Straßen und Wohngebiete in Tieflage zu Seen und Bäche.
Nachdem die Stadt in den letzten Jahren mehrere Großprojekte zum Auffangen von Starkniederschlägen geschaffen hat, so in der Bungtbachaue, im Bresgespark und das Regenrückhaltebecken in Geneicken, werden solche großflächigen Retentionsräume inzwischen knapp. Jede neu versiegelte Fläche verschärft das Problem.
Besonders kritisch wird die Situation, wenn außergewöhnlicher und langanhaltender Regen auf bereits ausgelastete Entwässerungssysteme trifft. Sind Regenrückhaltebecken gefüllt und können die Regenwasserkanäle keine zusätzlichen Wassermengen mehr aufnehmen, sucht sich das Wasser seinen eigenen Weg. Straßen, Unterführungen und tiefer gelegene Wohngebiete können sich dann innerhalb kurzer Zeit in regelrechte Seen verwandeln. Bäche können über die Ufer treten und zusätzliche Flächen überfluten.
Zu den Bereichen, die bei entsprechenden Überflutungsszenarien besondere Aufmerksamkeit verdienen, gehören das Umfeld des Krankenhauses Maria Hilf sowie tiefer gelegene Wohngebiete südlich der Roermonder Straße. Auch Bereiche an der Waldhausener, Lüpertzender, Lürriper und Hardterbroicher Straße müssen in die kommunale Vorsorgeplanung einbezogen werden. Weitere mögliche Gefährdungsschwerpunkte liegen im Umfeld des Krankenhauses Neuwerk sowie an der Sandstraße in Wickrath und an der Talstraße in Odenkirchen.
Dabei ist wichtig: Die veröffentlichte Starkregengefahrenkarte bildet eine oberflächliche Überflutungssimulation ab und ist nicht unmittelbar mit dem Kanalnetz gekoppelt. Die tatsächliche Gefährdung bei einem langanhaltenden Extremregen, bei dem gleichzeitig Kanalisation und Rückhaltebecken an ihre Kapazitätsgrenzen geraten, kann deshalb zusätzliche Untersuchungen und weitergehende Szenarien erfordern.
Gerade diese Kombination verschiedener Belastungen muss bei der zukünftigen Stadtplanung berücksichtigt werden.
Wetterextreme werden zur wachsenden Herausforderung

Langanhaltende Starkregenereignisse entstehen häufig durch großräumige Wetterlagen, bei denen feuchtwarme Luftmassen über längere Zeit auf kühlere Luft treffen und wetterbestimmende Tiefdruckgebiete nur langsam weiterziehen. Stationäre Fronten und wiederholte Niederschlagsgebiete können dann über Stunden oder sogar Tage große Regenmengen bringen.
Für den Niederrhein sind solche Wetterlagen von besonderer Bedeutung. Wenn sich Niederschlagsgebiete über Nordrhein-Westfalen nur langsam verlagern, können innerhalb kurzer Zeit erhebliche Wassermengen zusammenkommen.
Solche vor allem in den Sommer- und Herbstmonaten aufretenden Starkregen mildern auch kaum den Trockenheits- und Hitzestreß unserer Böden und deren Vegetation, weil das Wasaser schnell abfließt, bevor es in tiefere Bodenschichten einsickern kann.
Der Klimawandel erhöht die Risiken durch zunehmende Wetterextreme. Die finanziellen Folgen sind bereits heute erheblich: Hochwasser, Starkregen, Hitze und Dürre verursachen Schäden an Gebäuden, Straßen, Schienenwegen, landwirtschaftlichen Flächen und öffentlicher Infrastruktur. Hinzu kommen steigende Versicherungsbeiträge und wachsende Belastungen für private Haushalte.
Auch die Wohngebäudeversicherungen stehen unter erheblichem Kostendruck. Neben steigenden Bau- und Wiederherstellungskosten spielen zunehmende Naturgefahren eine wichtige Rolle. Für Eigentümerinnen und Eigentümer in besonders gefährdeten Gebieten können sich die Kosten für den Versicherungsschutz deutlich erhöhen.
In einzelnen Risikolagen wird es zudem schwieriger, überhaupt noch einen bezahlbaren Versicherungsschutz zu erhalten.
Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Vorsorge ist nicht nur eine Frage des Umweltschutzes, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Jeder Euro, der rechtzeitig in Klimaanpassung und Hochwasserschutz investiert wird, kann wesentlich höhere Folgeschäden vermeiden helfen.
Unsere Kernforderungen: Mönchengladbach muss zur Schwammstadt werden
Wenn Politik und Verwaltung ihre Verantwortung für den Schutz der Bevölkerung ernst nehmen, muss die Klimaanpassung zu einem verbindlichen Maßstab der Stadtentwicklung werden. Es reicht nicht aus, Gefahrenkarten zu veröffentlichen und anschließend die Verantwortung allein den Grundstücks-eigentümern zu überlassen.
Wir fordern deshalb ein konsequentes Maßnahmenpaket:
1. Keine zusätzliche Versiegelung von Freiflächen
In einer Stadt, die bereits heute mit erheblichen Entwässerungsproblemen und zunehmenden Starkregenrisiken konfrontiert ist, darf die weitere Versiegelung wertvoller Freiflächen nicht einfach fortgesetzt werden. Bei jedem neuen Bauvorhaben müssen die Auswirkungen auf Wasseraufnahme, Versickerung und Abflussverhalten umfassend geprüft werden. Wo eine zusätzliche Versiegelung nicht zwingend erforderlich ist, muss sie unterbleiben.
2. Entsiegelung und Schwammstadt-Prinzip konsequent umsetzen
Besonders in dicht bebauten Stadtteilen und bekannten Problemgebieten müssen versiegelte Flächen zurückgebaut und durch versickerungsfähige Flächen ersetzt werden. Regenwasser soll möglichst dort aufgenommen, gespeichert und zeitverzögert abgegeben werden, wo es niedergeht.
Dazu gehören begrünte Innenhöfe, entsiegelte Plätze, wasserdurchlässige Wege, begrünte Dächer und Fassaden sowie zusätzliche Rückhalte- und Versickerungsflächen. Mönchengladbach muss das Prinzip der Schwammstadt konsequent in die Stadtentwicklung integrieren.
3. Private Grundstückseigentümer bei der Regenwasserversickerung unterstützen
Auch private Gärten, Vorgärten und Hofflächen bieten erhebliche Potenziale. Die Stadt sollte Eigentümerinnen und Eigentümer durch Förderprogramme, Beratung und unbürokratische Genehmigungsverfahren dazu motivieren, Flächen zu entsiegeln, Regenwasser aufzufangen und auf dem eigenen Grundstück versickern zu lassen.
4. Besonders gefährdete Einrichtungen und Wohngebiete schützen
Krankenhäuser, Schulen, Kitas, Pflegeeinrichtungen und technische Infrastruktur müssen bei der Vorsorgeplanung höchste Aufmerksamkeit erhalten. Für die identifizierten Gefahrenbereiche braucht es konkrete Schutzkonzepte, Notfallpläne und regelmäßige Überprüfungen. Dabei sind auch mögliche Überlastungen der Kanalisation und der Rückhaltebecken einzubeziehen.
5. Klimaschutz und Klimaanpassung miteinander verbinden
Neben dem unmittelbaren Schutz vor Starkregen müssen alle Möglichkeiten genutzt werden, die Ursachen des Klimawandels zu begrenzen. Dazu zählen die Förderung erneuerbarer Energien, eine klimaorientierte Verkehrsplanung, mehr Stadtgrün und der Erhalt bestehender Bäume und Grünflächen.
6. Klimaanpassung mit klaren Zuständigkeiten und ausreichendem Personal voranbringen
Die notwendigen Planungs- und Umsetzungsleistungen stellen die Stadtverwaltung vor erhebliche personelle Herausforderungen. Deshalb sollte die Politik prüfen, ob und in welchem Umfang Aufgaben der Klimaanpassung, Flächenentwicklung und Projektsteuerung auf die städtische Entwicklungsgesellschaft Mönchengladbach (EWMG) übertragen werden können.
Mit ihren rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern könnte die EWMG gegebenenfalls zusätzliche Kapazitäten bereitstellen und Projekte im Auftrag der Stadt vorantreiben. Voraussetzung wären klare politische Zielvorgaben, definierte Verantwortlichkeiten und eine transparente Kontrolle der Umsetzung.
Vorsorge ist günstiger als die Beseitigung der Schäden
Die Starkregengefahrenkarte ist ein wichtiger erster Schritt. Sie darf aber nicht zum Selbstzweck wer-den. Entscheidend ist, welche konkreten Maßnahmen die Stadt aus den gewonnenen Erkenntnissen ableitet.
Es braucht einen verbindlichen kommunalen Maßnahmenplan mit einer Priorisierung der besonders gefährdeten Stadtteile und Einrichtungen, konkreten Zeitplänen, ausreichenden Haushaltsmitteln und regelmäßiger öffentlicher Berichterstattung über den Fortschritt.
Auch die Bevölkerung muss stärker einbezogen werden. Die vorhandenen Beratungsangebote zur privaten Gebäudevorsorge sollten ausgebaut und offensiv bekannt gemacht werden. Eigentümerinnen und Eigentümer müssen wissen, wie sie Keller, Hauseingänge, Lichtschächte und Grundstücksentwässerungen gegen eindringendes Wasser schützen können.
Mönchengladbach kann es sich nicht leisten, erst nach der nächsten Überflutung zu handeln.
Die Risiken sind bekannt, die technischen Möglichkeiten vorhanden und die finanziellen Folgen eines unterlassenen Handelns absehbar.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht mehr, ob die Stadt mehr für den Schutz vor Starkregen und Klimafolgen tun muss. Die entscheidende Frage ist, wie schnell die notwendigen Maßnahmen umgesetzt werden.
Eine vorausschauende Stadtentwicklung schützt Menschen, Eigentum und Infrastruktur. Sie erhält die Lebensqualität in unseren Stadtteilen und verhindert, dass die Kosten der Klimafolgen am Ende vor allem von den Bürgerinnen und Bürgern getragen werden.